5 Fragen an die Kreativsonar-Jury

Silke Philipps-Deters und Christoph Seydel entscheiden als Teil der Kreativsonar-Jury 2018 mit, welche Bewerber zu den diesjährigen Gewinnern zählen. Trotz sehr unterschiedlicher Erfahrungen sind die beiden sich einig, wenn es um ihre Anforderungen an kreative Unternehmer geht; vor allem Mut müssen sie haben!

Christoph, im ersten Jahr des Kreativsonar, 2015, hast du dich beim Wettbewerb beworben und mit lituro auch gewonnen. Dieses Jahr sitzt du selbst in der Kreativsonar-Jury. Wie fühlt sich das an?

Christoph: Ja, das wird spannend. Obwohl räumlich und vom Format her so nah, sind es doch unterschiedliche Welten, ob man kommt und begeistern möchte, oder aber ob man begeistert werden will. 2015 habe ich viel geredet, in diesem Jahr werde ich viel zuhören. Was mich immer am Kreativsonar begeistert hat, war dass es nicht eine fertige Lösung braucht. Es sind die Ideen, die zählen.
Gleichzeitig ist das auch das herausfordernde, da in den meisten Fällen eben kein Proof-of-Concept, keine Schlüsselzahlen und keine Benchmarks vorliegen, kommt es darauf an, auch ein Stück weit jede Idee einem Realitätscheck zu unterziehen. Und zwar aus dem Blickwinkel heraus, wie seine eigene Auffassung der Idee ist. Und die kann mitunter vom Blick des Kreativen abweichen. Ich glaube hier kann ich die Erfahrung des Preisträgers einbringen und mich ein Stück weit mehr in den Bewerber hineinversetzen.

Bevor Silke Leiterin der descom wurde, war sie als Kommunikationsdesignerin tätig.

Silke, Du bist wiederrum schon im zweiten Jahr in der Jury des Kreativsonar dabei. Gibt es Eigenschaften, die einen Kreativsonar-Gewinner ausmachen?

Silke: Erst einmal muss er eine gute Idee mitbringen. Die sollte originell und innovativ sein, aber auch marktgängig und wirtschaftlich gedacht. Und dann sollte er in der Lage sein, das alles klar und schlüssig der Jury zu präsentieren. Wenn Sie mich nach typischen Eigenschaften fragen, würde ich vielleicht sagen: Aufgeschlossenheit und Lust auf Weiterentwicklung – gepaart mit einer ordentlichen Portion Mut.

Christoph: Mut ist ein gutes Stichwort! Denn ich freue mich tatsächlich am meisten auf die nächste Generation von Mutigen, die den Schritt in die persönliche Unabhängigkkeit hin zu der Verwirklichung ihrer eigenen Ideen machen wollen.
Außerdem hoffe ich, dass der Jury völlig neue Ideen vorgestellt werden, die über die Digitalisierung von bestehenden Modellen hinaus gehen. Vielleicht auch Ideen, die als Gegenentwurf zum Zeitgeist komplett ohne Endgerät auskommen. Entschleunigende Ideen wären schön.

Als Leiterin des descom Designforums Rheinland-Pfalz organisierst du auch den jährlich stattfindenden Designpreis Rheinland-Pfalz der ebenfalls von dem Wirtschaftsministerium Rheinland-Pfalz unterstützt wird. Welchen Nutzen hat die Kreativwirtschaft und auch der einzelne Kreativschaffende von solchen Wettbewerben?

Silke: Ich denke schon, dass Preise wie der unsere eine breite Wirksamkeit haben. Sie erhöhen die Sensibilität für gutes Design. Sie führen die wertvollen Impulse vor Augen, die Gestalter in unserer Wirtschaftslandschaft setzen. Und davon profitieren letztlich alle Kreativen. Außerdem gewinnt natürlich der einzelne Preisträger – und zwar weit mehr als nur Anerkennung. Er knüpft neue Netzwerke, zum Beispiel über die Preisverleihung, und kann so Folgeaufträge generieren.

Christoph: Ich bin auch ein großer Freund von persönlicher Weiterentwicklung und da haben mir die Coachings nach dem Kreativsonar sehr viel gebracht. 2015 war ja das ersten Jahr des Preises und von dem her muss man ehrlich sagen, dass auf der einen Seite die Presse noch recht neugierig war und somit vielleicht ein bisschen mehr Publicity auf uns Preisträger abgestrahlt hat, jedoch wurde der Preis noch nicht so prestigeträchtig gesehen, wie er es verdient hat. Ich denke, dass hat sich nun über die Zeit gewandelt. Vielleicht ist die Neugier der Presse an dem Format nicht mehr so groß, jedoch das Prestige des Preises umso größer für die verdienten Gewinnerinnen und Gewinner.

Silke: Es gibt aber auch einige sehr fragwürdige Entwicklungen auf diesem Feld. Es hat sich eine regelrechte Designpreis-Industrie entwickelt, bei der es mehr um Geld als um gestalterische Qualität geht. Als öffentliche Institution grenzen wir uns davon deutlich ab.

Christoph ist studierter Informatiker und gewann im Jahr 2015 selbst das Kreativsonar.

Christoph, du bist nicht nur Berater für internationale Großkunden der Pharma- und Bankenbranche, sondern auch als Lehrbeauftragter für Entrepreneurship und Projektmanagement tätig. Was also braucht ein Unternehmer um erfolgreich zu sein – und gibt es als Kreativer besondere Dinge zu beachten?

Christoph: Zunächst einmal darf kein Rückschlag zu stark für dich sein und dich am Aufstehen hindern. Das gilt vielleicht für Kreative noch mehr als für z.B das herstellende Gewerbe, da man deine Leistungen manchmal nicht auf den ersten Blick und sofort wahrnimmt und Vorsicht und Skepsis ein nicht zu unterschätzender Instinkt sind.

Dann darf dich der erste Erfolg nicht nachlässig werden lassen. Kein Erfolg ist dauerhaft ein Selbstläufer. Man muss kontinuierlich schauen, dass man sich selbst und sein Produkt weiterentwickelt. Über den Tellerrand schauen. Oft sind die besten Ideen Verknüpfungen von zwei oder mehr Feldern zu etwas Neuen. Oder aber eine Lösung für ein eigenes Bedürfnis zu schaffen und daraus ein eigenständiges Produkt herzustellen.

Und als drittes Kriterium möchte ich mentale Stärke heranziehen. Jeder der etwas gründet, oder die den Mut hatte aus seiner Komfortzone herauszutreten ins Unbekannte, kommt zwangsläufig an den Punkt, an dem er sich hinterfragt, an dem er zweifelt und unter Umständen mit sich und der Welt hadert. Hier gilt es kontinuierlich an sich und seine Idee zu glauben und nicht in Aktionismus zu verfallen und wie ein Hase auf dem Feld einen Haken nach dem anderen zu schlagen. Aber Vorsicht, Aktionismus darf nicht mit Flexibilität verwechselt werden, also mit der Fähigkeit sich auf seine Umwelt einzustellen und Wege zu finden, um seine Ziele zu erreichen.

Für mich sind das die wichtigsten Eigenschaften: Durchhaltevermögen, kontinuierliche Weiterentwicklung, Unbeirrbarkeit und Flexibilität.

Es geht also nicht nur darum sein Handwerk zu beherrschen, man braucht auch die richtige Einstellung um als kreativer Unternehmer erfolgreich zu sein?

Silke: Natürlich bilden die eigenen Qualifikationen die Grundlage. Aber das Fachliche ist nicht alles, gerade, wenn man langfristig (und wirtschaftlich) erfolgreich sein will. Da kommt es auf ganz andere Dinge an. Den Idealtypus eines erfolgreichen Kreativen würde ich in etwa so wie Christoph beschreiben: kontakt- und durchsetzungsfähig, kreativ und aufgeschlossen, flexibel und kooperationsbereit, zugleich souverän und gelassen. Es lohnt sich auf jeden Fall, an diesen Kompetenzen zu arbeiten.