»Querdenker und Überzeugungstäter« Tamay Zieske

Wir gehen auf Stimmenfang – Im Rahmen der Interviewreihe Stimmen wollen wir Vertreter der Kultur- und Kreativwirtschaft zu Wort kommen lassen. Ihre Statements beschreiben, hinterfragen und inspirieren. Heute hören wir Tamay Zieske (Leiter des kreativzentrum.saar) zu.

Guten Tag, Herr Zieske. Über die Jahre hinweg haben Sie schon zahlreiche Kreative beraten. Was genau sind dabei die Kernkompetenzen der Kultur- und Kreativwirtschaft?

In der Kultur und Kreativwirtschaft finden sich viele Querdenker und Überzeugungstäter. Die meisten Gründungen sind der Erfüllung eines persönlichen Traums geschuldet, daher hängen sich die meisten Kreativschaffenden auch so ungemein in ihre Arbeit hinein. Das Besondere dabei ist, dass viele Kreativschaffende so sehr an ihre Idee glauben, dass sie es einfach tun. Kein ausgereifter Businessplan, keine große Finanzierung, sondern einfach machen. Das ist zwar Fluch und Segen zugleich, aber ohne Pioniere, die einfach getan haben, an was sie glaubten, wären wir heute nicht da, wo wir sind. Viele Kreativschaffende heben außerdem die traditionelle Grenze zwischen Arbeit und Leben auf und geben dem Wort Teamarbeit eine neue Bedeutung. Die Arbeitsformen, die dabei entstehen, sind zukunftsweisend.

Um ihre eigene Existenz zu sichern, müssen auch Kreativschaffende Umsatz machen. Gleichzeitig besteht für viele eine wesentliche gesellschaftliche Verpflichtung der Kreativen darin, kritisch zu sein, Fragen aufzuwerfen und zugleich Stadtviertel aufzuwerten. Ist dies alles vereinbar? Erwartet man von den Kreativen da nicht zuviel?

Klar, die Kultur und Kreativwirtschaft und vor allem die in ihr arbeitenden Akteure sind nicht das Allheilmittel. Wir müssen differenzieren zwischen dem Kulturschaffenden und dem Kreativschaffenden. Meiner Meinung nach hat die Kultur sicherlich die Aufgabe, unsere Gesellschaft zu reflektieren und kritische Fragen aufzuwerfen. Dazu muss sie frei und unabhängig sein. Dafür gibt es Kulturförderung, die auch nicht durch die Förderung der Kultur- Kreativwirtschaft abgelöst oder verdrängt werden sollte. Die Kreativwirtschaft, so wie wir sie definieren, bezieht sich dem gegenüber eher auf die frei am Markt agierenden Akteure. Diese finanzieren sich durch eigene Einnahmen und agieren dementsprechend nicht ganz losgelöst von Marktzwängen. Die Grenzen sind hier fließend. Ein freier Künstler kann sowohl anspruchsvolle, gesellschaftskritische Kunst produzieren und gleichzeitig am Markt agieren.

Das Thema der Stadtentwicklung ist ebenfalls kein leichtes. Es sollte nicht als Verpflichtung angesehen werden, dass Kreative Stadtviertel aufwerten müssen, sondern vielmehr als Kooperationsangebot. Wenn sich eine Stadt als attraktiv für Kreativschaffende erweist, so ziehen diese Kreativen meist weitere junge Menschen mit. Denn in einer globalisierten Welt, in der Mobilitäts- und Kommunikationskosten drastisch gesunken sind, ist der Wettbewerb der Städte um gut ausgebildetes Personal besonders stark geworden. Gewinnen kann diesen Wettbewerb nur, wer seine Stadt für junge Manschen attraktiv macht.

Was bedeutet für Sie Kreativität?

Den eingetreten Pfad verlassen zu können und sich auch mal ohne Orientierungshilfe zurechtzufinden. Kreativität heißt neuem mit offenen Armen zu begegnen und selbst neues zu schaffen.

Tamay Zieske studierte Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Kulturmanagement an der Fachhochschule Heilbronn und in Västerås, Schweden. Nach seinem Abschluss arbeitete er im Rahmen eines Stipendiums der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) für sechs Monate in einem Kulturzentrum in Buenos Aires. Seit August 2012 leitet er das kreativzentrum.saar und hilft Kultur- und Kreativschaffenden, den richtigen Weg für ihre Geschäftsidee zu finden.

http://kreativzentrum-saar.de/