»Kreativpolitik darf kein reines Standortmarketing sein«

Kreativität in Form von Ideen und Innovationen ist gefragter denn je. Doch wie kann diese aus wirtschaftlicher Sicht gefördert werden?
Ein Interview mit Karsten Bujara, regionaler Förderer der Kultur- und Kreativwirtschaft der Stadt Trier.


Lieber Karsten, du hast in Berlin Musikwissenschaft, Kulturwissenschaft und Germanistik studiert und eine Zeit lang in Paris und Wien gelebt. Was interessiert dich an kreativer Arbeit und Kunst so besonders?

Mein persönlicher Zugang zur Kunst ist in erster Linie durch die Musik geprägt, welche schon immer eine ganz zentrale Rolle in meinem Leben gespielt hat. Als Kind wollte ich Musiker werden und hatte das große Glück, dass mir meine Familie eine grundlegende musikalische Ausbildung ermöglichte. Später interessierte mich mehr aus der musikwissenschaftlichen Perspektive, wie der künstlerische Schaffensprozess bei Musikern als auch bei Komponisten überhaupt funktioniert. Heute faszinieren mich vor allem die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten experimenteller intermedialer Kunstformen wie beispielsweise Soundart oder Medienkunst.

 

Kreativität hat einen immensen Stellenwert in unserer heutigen Wirtschaftswelt. Warum ist das so?

Bezogen auf die Wirtschaft ist mit der Vorstellung von Kreativität in erster Linie das Vermögen assoziiert, Innovationen hervorzubringen. Dabei handelt es sich um neue Produkte oder Dienstleistungen, um neue Verfahrensweisen, Vertriebsformen oder auch um vollkommen neuartige Geschäftsmodelle. Innovationen sind der wichtigste Treiber ökonomischen Wachstums. Deshalb hat Kreativität eine enorme Bedeutung in der Wirtschaftswelt. Darüber hinaus spielen kreative Methoden wie beispielsweise Design Thinking eine wichtige Rolle für die Wirtschaft, um innovative Ideen erfolgreich entwickeln zu können.

Mittlerweile arbeitest du bei der Stadtverwaltung Trier und bist dort für die Förderung der regionalen Kultur- und Kreativwirtschaft zuständig. Gibt es wesentliche Punkte in denen sich die rheinland-pfälzische Kreativbranche von der in der Hauptstadt unterscheidet?

In Berlin erzielt die Kreativbranche insgesamt einen wesentlich höheren Umsatz, hat viel mehr Unternehmen und mehr Erwerbstätige als in Rheinland-Pfalz. Bedingt durch den seit Jahren anhaltenden Boom als Hotspot der Kreativ- und Startup-Szene ist Berlin zudem internationaler. Ich habe dort in der Branche kaum gebürtige Berliner angetroffen, die meisten Kreativen waren aus ganz Deutschland weit zugereist und kamen vor allem aus dem Ausland.

Das ist an Rhein und Mosel anders. Hier sind Kreativschaffende überwiegend in der Region geboren, aufgewachsen und entscheiden sich bewusst, in ihrer Heimat zu arbeiten. Aufgrund der Überschaubarkeit ist die rheinland-pfälzische Kreativbranche in den Städten relativ gut vernetzt, allerdings fehlt auf der Landesebene eine entsprechende Plattform, die Akteure aus allen Kreativmärkten zusammenbringt.

Die Politik setzt sich, nicht nur in Deutschland, verstärkt für die Entwicklung und Anerkennung der Kultur- und Kreativwirtschaft ein. Was ist deiner Meinung nach in diesem Rahmen besonders wichtig?

Seit Jahren dokumentieren zahlreiche Studien, dass der Kreativsektor nicht nur zu den wachstumsstärksten Branchen gehört, sondern als treibender Innovationsmotor mit seinen Produkten, Dienstleistungen und Services einen wichtigen Beitrag zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung leistet. Die Politik hat in Deutschland diese Potentiale vor rund einem Jahrzehnt erkannt und auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene entsprechende Förderstrategien für die Kreativwirtschaft entworfen – mancherorts allerdings mit einem Aktionismus, der nicht selten an den spezifischen Interessen der Branche vorbeizielt. Kreativpolitik darf kein reines Standortmarketing sein, sondern sollte sich an den konkreten, ganz heterogenen Bedarfen der Kreativschaffenden orientieren und mit einem partizipativen wie auch holistischen Ansatz die bestmöglichen Strategiekonzepte zur nachhaltigen Förderung der Kreativwirtschaft entwickeln.

 

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Karsten Bujara studierte Musikwissenschaft, Kulturwissenschaft sowie Neuere deutsche Literatur in Berlin und Paris. 2015 wurde er mit einem interdisziplinären Dissertationsprojekt an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Als freier Texter arbeitet er für Konzert- und Opernhäuser in Deutschland sowie in Österreich und war zuletzt im Kulturmanagement für die Stadt Trier tätig. Seit Oktober 2016 arbeitet Karsten Bujara in der Wirtschaftsförderung Trier für den Bereich Kultur- und Kreativwirtschaft.